RED-S im Radsport und auch anderen Sportarten

Watt pro Kilo – und der Preis dafür: RED-S im Profiradsport

Watt pro Kilo – und der Preis dafür: RED-S im Profiradsport

· @Ingolf

Gestörtes Essverhalten ist im Profiradsport kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Recherche der Sportschau vom 27. September 2026. Die Schätzungen, wie viele Profis betroffen sind, reichen von fünf bis zwanzig Prozent des Feldes.

Am Anfang der Recherche steht Clara Koppenburg. Die deutsche Fahrerin startete im Sommer 2025 bei der Tour de France Femmes und machte kurz danach öffentlich, dass ein gestörtes Essverhalten sie über Jahre krank gemacht hatte. Sechs Jahre lang blieb ihre Regelblutung aus. Damals hielt sie das für ein Zeichen, dass sie „es geschafft“ habe.

Für uns bei SportBrennstoff ist der Beitrag ein Anlass, das Thema RED-S noch einmal aufzugreifen. Denn was im Profifeld passiert, betrifft auch ambitionierte Hobbysportler: Die Rechnung „weniger Gewicht, mehr Watt pro Kilo“ kennt fast jeder, der aufs Rad steigt.

Warum der Radsport besonders gefährdet ist

Im Radsport ist das Körpergewicht ein direkter Leistungshebel. Wer leichter ist, muss am Berg weniger Masse gegen die Schwerkraft bewegen. Genau deshalb ist das Risiko für ein gestörtes Essverhalten hier besonders hoch, wie die Sportwissenschaft zeigt.

Das Problem: Die Gleichung funktioniert nur eine Zeit lang. Ein erster Gewichtsverlust kann die Leistung tatsächlich verbessern. Ab einem gewissen Punkt kippt es jedoch. Der Körper drosselt dann lebenswichtige Funktionen, um Energie zu sparen.

Tückisch ist, dass dieser Kipppunkt meist erst im Rückblick sichtbar wird. Wer mitten in der Saison steckt, merkt oft nur, dass die Form stagniert, und zieht daraus den falschen Schluss: noch weniger essen, noch mehr trainieren.

Karsten Köhler, Ernährungswissenschaftler an der TU München, macht in der Sportschau deutlich, wie extrem die Belastung einer Grand Tour ist. Ein normales Verhältnis zum Essen sei unter diesen Bedingungen kaum möglich. Umso wichtiger ist eine Energieversorgung, die bewusst geplant und nicht dem Zufall oder dem Hunger überlassen wird.

RED-S: Wenn dem Körper die Energie fehlt

RED-S steht für „Relative Energy Deficiency in Sport“, auf Deutsch relatives Energiedefizit im Sport. Die Medizin verwendet den Begriff seit rund zehn Jahren. Gemeint ist ein Zustand, in dem der Körper über längere Zeit weniger Energie bekommt, als er für Training, Regeneration und grundlegende Körperfunktionen braucht.

Die Folgen betreffen praktisch alle Körpersysteme:

  • Leistung: Formabfall trotz hartem Training, längere Erholungszeiten
  • Knochen: sinkende Knochendichte, höheres Risiko für Stressfrakturen
  • Hormone: Zyklusstörungen bis zum Ausbleiben der Regel bei Frauen, sinkendes Testosteron bei Männern
  • Immunsystem: häufigere Infekte und Verletzungen
  • Psyche: Stimmungsschwankungen, Gereiztheit, depressive Verstimmungen

RED-S betrifft beide Geschlechter, Frauen etwas häufiger. Bei ihnen gibt es mit dem Ausbleiben der Regelblutung ein vergleichsweise klares Warnsignal. Bei Männern verlaufen die Anzeichen subtiler und werden oft als Übertraining fehlgedeutet.

Wie du RED-S früh erkennst und wie Energieverfügbarkeit berechnet wird, haben wir ausführlich in unserem Beitrag RED-S erkennen und vermeiden: Der Leitfaden für Ausdauersportler erklärt.

Ein Strukturproblem: Teams, Ärzte und der Weltverband

Die Sportschau-Recherche zeigt vor allem eines: Das Thema wird im Profiradsport lieber verschwiegen als angegangen. Koppenburg berichtet, dass viele Teams mit ihrer Offenheit wenig anfangen konnten.

Auch The Cyclists' Alliance, eine Interessenvertretung der Profifahrerinnen, kritisiert fehlendes Wissen in den Teams. Die frühere Geschäftsführerin Deena Blacking schildert ein Gespräch mit einem Sportdirektor, der sinngemäß meinte, Fahrer mit Essstörungen würden oft Rennen gewinnen. Hinzu kommt ein möglicher Interessenkonflikt: Teamärzte sind Angestellte der Teams, die unter Erfolgsdruck stehen.

Die Sportschau hat 20 der größten Teams angefragt, was sie gegen Essstörungen unternehmen. Nur fünf antworteten. Canyon-SRAM und Red Bull-Bora-hansgrohe gaben an, regelmäßige RED-S-Screenings durchzuführen.

Der Weltverband UCI lehnte eine Forderung der Cyclists' Alliance vom November 2024 ab, verpflichtende RED-S-Untersuchungen und Knochendichtemessungen einzuführen. Stattdessen kündigte er im September 2025 ein Erkennungs-Tool für Teamärzte an. Ein Jahr später ist es noch nicht fertig, und verpflichtend wäre es ohnehin nicht. UCI-Medizindirektor Xavier Bigard räumt gegenüber der Sportschau ein, dass der Schutz der Athleten derzeit nicht ausreicht und der Verband zu spät dran ist. Die Verantwortung sieht die UCI dennoch vor allem bei den Teams.

Was Hobbysportler daraus lernen können

Du musst keine Tour de France fahren, um in ein Energiedefizit zu rutschen. Gerade ambitionierte Freizeitsportler trainieren neben Beruf und Familie, essen unregelmäßig und haben niemanden, der ihre Werte kontrolliert. Diese Warnsignale solltest du ernst nehmen:

  • Deine Leistung stagniert oder sinkt über Wochen, obwohl du konsequent trainierst.
  • Du bist dauerhaft müde, schläfst schlecht oder bist ungewöhnlich gereizt.
  • Du wirst häufiger krank oder verletzt dich öfter.
  • Dein Zyklus wird unregelmäßig oder bleibt aus, bei Männern lässt die Libido nach.
  • Essen, Gewicht und Training bestimmen zunehmend deine Gedanken.

Drei Grundsätze helfen, gar nicht erst ins Defizit zu geraten:

  1. Iss für das Training, das du machst. Harte und lange Einheiten brauchen mehr Energie, Ruhetage ebenfalls genug für die Regeneration.
  2. Versorge dich während langer Einheiten. Kohlenhydrate auf dem Rad sind kein Luxus, sondern schützen vor einem Loch, das du hinterher nicht mehr aufholst. Wie viel sinnvoll ist, erklären wir in Beste Sportnahrung für lange Radrennen.
  3. Denk in Leistung, nicht in Kilos. Mehr Watt durch gute Versorgung und Regeneration ist nachhaltiger als weniger Kilo durch Verzicht.

Wenn mehrere der Warnsignale auf dich zutreffen, lass das ärztlich abklären, am besten bei einer Sportmedizinerin oder einem Sportmediziner.

Der Weg zurück ist möglich

Die gute Nachricht: RED-S ist behandelbar, wenn es früh erkannt wird. Der Weg zurück braucht allerdings Zeit und ein Team aus Sportmedizin, Ernährungsberatung und, wo nötig, psychologischer Unterstützung.

Im Kern geht es um drei Dinge: das Training vorübergehend reduzieren, die Energiezufuhr schrittweise erhöhen und die Knochen- und Hormonwerte regelmäßig kontrollieren. Viele Betroffene haben zudem Angst vor Gewichtszunahme oder Formverlust. Diese Ängste gehören ernst genommen und begleitet.

Wie Prävention und Wiederaufbau konkret aussehen, beschreiben wir in RED-S Prävention und Wiederaufbau im Sport verstehen. Den Ablauf in drei Phasen findest du außerdem im Abschnitt zum Wiedereinstieg unseres RED-S-Leitfadens.

Wenn du unsicher bist, ob deine Energiebilanz stimmt, sprich mit uns. In einem Erstgespräch zur Sporternährung schauen wir gemeinsam auf dein Training und deine Versorgung. Bei Verdacht auf eine Essstörung ist der erste Weg aber immer der zur Ärztin oder zum Arzt.

Fazit: Gesundheit ist der eigentliche Leistungsfaktor

Der Radsport hat ein Gewichtsproblem, und es ist vor allem ein Strukturproblem. Solange Teams schweigen und der Weltverband auf Freiwilligkeit setzt, liegt viel Verantwortung bei den Sportlerinnen und Sportlern selbst. Das gilt im Profifeld genauso wie im Hobbybereich.

Wer ausreichend und gezielt isst, trainiert nicht nur gesünder, sondern auf Dauer auch schneller. Energie ist kein Gegner der Leistung, sondern ihre Grundlage.

Weiterlesen im SportBrennstoff-Magazin

Quelle

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